markus imboden

MÖRDER AUF AMRUM

Süddeutsche Zeitung
11.01.2010; Barbara Gärtner
Das ZDF macht alles richtig: Ein Nord-Western über Russen-Mafia-Killer. Das gelingt. Ein seltenes Glück in den Zuschauer-Unterforderungsmühlen des deutschen Fernsehens. Touristen sind ein mieses Geschäft. Im Todesfall werden sie nur nach Hause geschafft, brauchen keinen Sarg, keinen Balsam, kein Post-Mortem-Gepuder; Jörg, der Insel-Bestatter, ist kurz vor pleite. Auf Amrum wird einfach zu wenig gestorben. So wie sich im Winter überhaupt recht wenig tut auf der aschblond-struppigen Nordseeinsel: Nur der Wind pfeift ewig stur übers Dünengras und die Schafe blöken blöde. Verwandert sich ein Schweizer Urlauber im Watt, erzählt man sich das noch Wochen später am Stammtisch. Beim BKA hat man die Eiland-Einöde deshalb als Unterschlupf für ein Mädchen im Zeugenschutzprogramm ausgesucht. Doch mit der Zeugin springen Russen-Mafia-Killer von der Fähre, Bestatter Jörg ist der Einzige, der sich darüber irgendwie freut. Eine Insel ist im Verfolgungsfall ein ungutes Versteck. Bei Unwetter kommt keiner fort, das Mädchen nicht und auch nicht die Mörder. So muss Juniorpolizist Helge, sonst eingeteilt zum Bodenwischen und Kaffeekochen, die junge Dame retten. Schaut man Mörder auf Amrum, zahlt man die Fernsehgebühren wieder eine Weile ganz unverzagt. Charmant hätte man früher diesen Nord-Western von Markus Imboden genannt, bevor die Immobilienmakler das Wort entführten. Über jede Figur wüsste man gerne ein wenig mehr, aber wie bei einer Raymond-Carver-Kurzgeschichte gehört das Unerzählte zur Story (Buch: Holger Karsten Schmidt) - ein seltenes Glück in den Zuschauer-Unterforderungsmühlen des deutschen Fernsehens. Schon Helge (großartig: Hinnerk Schönemann), der zaudernde Held, ist das Gegenteil vom Fernseh-Stecher, recht verkniffen, entscheidungsschwach und klavierklimpernd zartfühlend. Der sacht angeschmachteten Kneipenwirtin Lona schenkt er Sanduhren, im Stressfall muss er kotzen, richtig rasend wird er nur, wenn man die Herzdame oder die Heimatinsel verunglimpft. Die Mittrinker an der Stammtischrunde - Postbotin Carla (Barbara Rudnik in ihrer letzten Rolle), die alle Briefe vor dem Zustellen öffnet, Gummipuppen-Galan Sönke (Simon Schwarz) oder Heini, der Hauptkommissar (Thomas Thieme) - sind keine Hilfe. Entweder sterben sie zu früh oder sie sind feige. Nur Bestatter Jörg hält die Flinte gegen den Wind wie ein tapferer Nordfriesland-Cowboy. Im klassischen Western ist der Retter entweder naiv, verbittert oder ein eitler Gockel. Solche Charaktere leiden nicht, also leidet man als Zuschauer kaum mit. Mit Helge, dem Zauderer, aber schon. Am Ende wird die Inselruhe von einer Sexpuppe gerettet. Die Bösen sterben, die Guten heiraten, der Wind weht durchs hohe Gras. So war es immer schon und so wird es immer sein, im Wilden Westen und auch in Nordfriesland. Mörder auf Amrum, ZDF, 20.15 Uhr. (SZ vom 11.1.2010/iko)