markus imboden

EIN STARKES TEAM - HUNGRIGE SEELEN

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.01.2008
Die S-Bahn ist ein sicherer Ort, um zu sterben
Tausende gehen vorbei, "und keine Sau kiekt hin": Im ZDF verzweifelt "Ein starkes Team" an einer Gesellschaft, die bestenfalls gleichgültig ist. Um mit den emotionalen Risiken und Nebenwirkungen des Polizistenberufs fertig zu werden, hat sich Kommissar Otto Garber aus der ZDF-Serie "Ein starkes Team" einen spröden Habitus zugelegt, der im Normalfall zuverlässig funktioniert. Bloß nichts und niemanden weiter denn auf Armlänge an sich heranlassen, heißt seine Devise. Nun sind Zyniker nicht eben selten in einem Beruf, der seine Vertreter mit tödlicher Gewalt und moralischer Verwahrlosung konfrontiert. Interessant aber wird die Fernsehfigur, die Florian Martens seit mehr als dreißig Folgen mit zusammengebissenen Zähnen berlinernd gibt, immer dann, wenn er seine Hans-Moser-Gedächtnisvorstellung unterbricht, die Grantler-Attitüde ad acta legt und in der verbalen Abwehraufstellung Lücken sichtbar werden, durch die eine nachgiebige Seite der Person blitzt. Denn Kommissar Otto ist nicht der schlichte Meckerer, für den seine Kollegen und wir ihn auf den ersten Blick halten. Wie alle Misanthropen ist er ein enttäuschter Idealist. Kommissar Otto, der angeblich nichts mehr von seinen Mitmenschen erwartet, ist ein Moralist ex negativo. Die Kommissarin Verena Berthold (Maja Maranow) allerdings mag es weniger tiefschürfend und nennt diese Charaktergrundierung seinen "Ossiblick". Den bekomme er, sobald er einen Plattenbau betrete - wozu dem Kommissar in dieser Folge ausgiebig Gelegenheit gegeben wird. In der melancholischen, bisweilen satirisch zugespitzten Episode "Hungrige Seelen" (Buch: Katrin Bühlig, Regie: Markus Imboden) fallen die Abwehrstellungen nicht nur des Kommissars gleich reihenweise. "3,2 Millionen Menschen leben in Berlin", bemerkt der Kommissar, nachdem in einer belebten S-Bahn-Unterführung eine Leiche entdeckt wurde, "und keine Sau kiekt hin." Stundenlang saß der Tote zusammengesunken in der B-Ebene. Tausende, so schätzen die Polizisten, sind an der Leiche vorbeigehastet. Auf dem Kommissariat konstatiert man: Die Berliner S-Bahnen sind durchaus sicher, jedenfalls sind sie ein sicherer Ort zum Sterben. Ums Wegschauen geht es in "Hungrige Seelen", um soziale Kälte, die Härten von Hartz IV und die Unmöglichkeit der Resozialisierung verurteilter Straftäter. Wer daraus aber eine Stellungnahme zum hessischen Landtagswahlkampf ableiten wollte, geht leer aus. Dieser Krimi ist kein Pamphlet und kein Magazinbeitrag. Obwohl er offensichtlich gesellschaftspolitisch relevant sein möchte, versagt er sich den breiten Thesenpinsel und die pastösen Farben, strichelt lieber an zahlreichen Porträts und - vorwiegend tragischen - Lebensläufen. Tiefenschärfe gewinnt dadurch vor allem die allgemein menschliche Komponente des Themas Einsamkeit. Der Obdachlose aus der B-Ebene starb eines natürlichen Todes. Sein Sterben markiert den Schlusspunkt eines trostlosen Lebens: Mittelstandsexistenz, Frau weg, Prekariat, Alkohol, Job weg, Hartz IV, Wohnung weg, Leben auf der Straße, mehr Alkohol und gesundheitliche Zerrüttung. Aus. Die tote Psychologiestudentin Lisa Dorn (Teresa Weißbach) dagegen wusste auf andere Weise von der Einsamkeit der Männer. Als fleischgewordene Phantasie, die sich als Ehefrauen-Albtraum in Szene setzte, heizte sie auf Speeddating-Veranstaltungen den Gefühlshaushalt ihrer waffenlosen Opfer an, bevor sie selbst eines wurde. Die Verdächtigen präsentieren sich auf dem Silbertablett. Vom abgewiesenen, da zu netten Verehrer Marco Eppler (Enno Hesse) über den Physiotherapeuten mit den frauenverstehenden Händen, Christian Buchholz (Pierre Besson), und dessen seelisch ausgehungerte Ehefrau Doris (Susanna Simon) bis zum entlassenen Häftling Klaus Wagner reicht die Liste derer, die sich in Lisa Dorn ihre seelenverwandte Halbkugel zurechtträumten. Mit dem unglücklichen Totschläger liefert Walter Kreye eine eindrucksvolle Studie über einen einsichtigen Täter, der seine Strafe verbüßt hat, in einer bestenfalls gleichgültigen Gesellschaft aber keinen Platz mehr findet. Auch Jaecki Schwarz als Kneipenbesitzer Sputnik, gemütvoller Freund des Ermittlerpaars Otto und Verena, läuft als Veranstalter zeitgemäßer "Kuschelpartys" zu großer Form auf. In dieser Serienfolge sucht man Intensivtäter mit oder auch ohne Migrationshintergrund vergeblich. Zu finden ist das zeitlose Eifersuchtsdrama unter gewöhnlichen Mitbürgern. Aber auch in dieser altmodisch psychologisierenden Haltung bleibt "Hungrige Seelen" unterm Strich ein aktueller Kommentar zum Thema gesellschaftliche Verwahrlosung. Ausgerechnet aus der pathologischen Abteilung stammt das eindrucksvollste Bild. Es erinnert kein bisschen an "CSI", sondern an die amerikanische Bestatterserie "Six Feet Under". Eine bildschöne nackte Frau und ein nackter Mann liegen da hübsch nebeneinander auf den Seziertischen der Abteilung. Wüsste man es nicht besser, könnte man meinen, dass sie der Intimitäten harren, die da noch kommen müssen. So eine Verschwendung. HEIKE HUPERTZ