markus imboden

11011 - AM PULS DER MACHT

Süddeutsche Zeitung - 05.01.2005
Das Kartell
... Mehr als 25 Jahre später hat die ARD den Schweizer Regisseur Markus Imboden beauftragt, einen Film über die Ohnmacht im Zentrum der Macht zu drehen. ... Spiele der Macht – 11011 Berlin heißt das ARD-Projekt ... Große Paläste, kleiner Mensch - Imboden geht davon aus, dass Macht die Menschen verändert. Er ist nicht am Einzelschicksal interessiert, sondern schaut aus der Ferne auf das politische Kartell. Macht wird in der machtvollen Architektur inszeniert. Panoramabilder betonen die Größe von Kanzleramt, Reichstag und den Prunk des Herrenhauses, in das sich der angegriffene Bundeskanzler zurückzieht. Der Mensch ist klein vor diesen Palästen der Parteien und Stiftungen, so klein, wie er machtlos zu sein scheint in den Ämtern der Macht. Schwarze, geräuschlose Limousinen verbinden die stark bewachten Orte miteinander, die häufig unterirdisch angesteuert werden. Der Bundeskanzler bleibt namenlos. Er hatte eine Frau, die bei einem Autounfall verbrannte, er hat eine Tochter, und er hat ein Papier aufgesetzt, über dem „Politik der Entscheidungen” steht. An diesem Punkt ist die Geschichte doch moralisch. Sie muss es vielleicht sein. Imboden, das wird in den Dialogen deutlich, hat sich motivisch auf die Politikverdrossenheit der Menschen und auf die Verantwortungslosigkeit der Politiker eingestellt. Aufbruch ist nie zu spüren, wenn die Handlanger der Regierung in chiffrierter Sprache Informationen verstecken, statt sie auszutauschen. Politik ist so sehr mit dem Machterhalt beschäftigt, dass sie nicht mehr gestaltet. Aber es gibt Hoffnung. Sie kommt in Gestalt von Sara M. Kardow daher, die das Interesse des Kanzlers in einer TV-Debatte geweckt hat. Kardow ist Politologin, und der Kanzler will sie als Beraterin engagieren. Auf die Frage „Warum?” antwortet er: „Weil Sie von außen kommen. Ich bin in Berlin in der Hand von Leuten, die mir täglich sagen, was ich sagen muss. Ich will einen Neuanfang.” Martina Gedeck und Manfred Zapatka sind in den Hauptrollen zu sehen. Zapatka ist grandios als unnahbarer Regierungschef, Gedeck ist unverändert beeindruckend und Axel Milberg als schwammiger Pressereferent ein wichtiger Nebendarsteller. Spiele der Macht ist kein Politthriller. In aller Ruhe wird von drei, vier Tagen aus dem Leben eines Bundeskanzlers erzählt und aus dem Leben einer Frau, die sich endlich mal nicht zwischen Familie und Beruf entscheiden soll, sondern zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen reiner Lehre und praktischer Vernunft. Imboden folgt seinen Figuren aus der Distanz. Wenn sie sich treffen und reden, überwacht er sie wie heimlich mit dem Fernrohr: kühl, ohne Regung und von der Kamera aufs Fürsoglichste belagert. CHRISTOPHER KEIL Spiele der Macht, ARD, Mittwoch, 20.15.