markus imboden

HUNGER AUF LEBEN

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.06.2004, Nr. 139, S. 40
Nur Chaos, wo andere ihre Moral haben - Die Schriftstellerin Brigitte Reimann verzehrt und versehrt sich: "Hunger auf Leben" (Arte)
"Ich kann nicht leben ohne Lichtstreif an der Decke": Als die Schriftstellerin und glühende Sozialistin Brigitte Reimann diese Wehklage ihrem Tagebuch anvertraut, hat der Krebs sie schon bezwungen. Im Februar 1973 stirbt Brigitte Reimann, noch keine vierzig Jahre alt. Doch die knappe Spanne Leben, die ihr vergönnt war, birst beinahe vor Impulsivität und grimmigem Furor, vor Aufbauwillen und politischer Leidenschaft, vor Inbrunst im Lieben und Einklagen von Sinn und Sinnlichkeit. ... "Hunger auf Leben" - das Kaleidoskop einer Leidenschaft, die sich in ungezählten Facetten bricht und trotzdem kein biographisches Sammelsurium in dokumentarischer Strenge aufbietet, sondern das Psychogramm einer Autorin mit außergewöhnlicher Beobachtungsgabe und die Studie einer Frau, der ihr Schreiben den einzigen Halt bot und zugleich fortdauernder Anlaß zum Straucheln war. Der Regisseur Markus Imboden stützt sich sorgfältig auf Brigitte Reimanns Tagebuchbände "Ich bedaure nichts" und "Alles schmeckt nach Abschied", gewähren ihrer Szenenfolge, die den fragmentarischen Charakter ausdrücklich betont, aber so viel Freiheit im Umgang mit Personen und Ereignissen, daß der Film seine eigene dramatische Linie findet. Die Kunst der Verdichtung besteht im Auslassen. Was ihr erster Lektor der jungen Autorin predigt - "da ist zuviel Schlacke drin" -, haben auch Drehbuch und Regie mustergültig beherzigt: Die Szenen kennen keine Redundanz. Um so geschliffener kommen die Beobachtungsschärfe und die psychologische Konsequenz zum Vorschein. Sie solle bloß nicht linientreu schreiben, das werde nicht lange halten, rät der Lektor, bevor der Argwohn der Mächtigen ihn seine Stelle kostet. Und so gerät, was Brigitte Reimann schon für eine Ankunft im Gewünschten halten könnte, der Autorin unversehens wieder zum Aufbruch. "Ich bereue und bereue doch nicht, es ist ein wunderliches Gemisch von Abscheu und Freude", gibt sie ihre Zerrissenheit preis, die obendrein von der "Rücksicht um der Sache willen", vom Widerstreit mit "dem verdammten inneren Zensor, den man uns so geschickt eingebaut hat", beschwert wird. Die ehelichen und außerehelichen Gefechte, die Auseinandersetzungen mit dem vergötterten Bruder, die Widerworte im Schriftstellerverband, das Wegtauchen vor den Nachstellungen der Stasi und die Hoffnung, die Brigitte Reimann sich gleichwohl niemals rauben läßt, entfalten ihre bezwingende Wirkung nicht zuletzt, weil der Fernsehfilm "Hunger auf Leben" in allen entscheidenden Nebenrollen hervorragend besetzt ist. Dennoch bleibt er von der ersten bis zur letzten Szene der Film Martina Gedecks. Wie sie im Verlauf der zwanzig Jahre feinste Nuancen setzt, wie aus Scheu durch die Ungunst der Umstände Unverschämtheit wird, aus dem ersten linkischen Auftreten im Schriftstellerheim forderndes Selbstbewußtsein, aus zärtlichem Verlangen sexuelles Ungestüm und aus der immer wieder aufbrechenden Not, sich verkriechen zu wollen, die Stärke, sich zu stellen, auch im künstlerischen Sinn - das ist überzeugender nicht zu haben. Und weil diese Darstellerin ihren Rollen immer auch intellektuell nachspürt, überspielt sie keinen Augenblick, daß die vorgeführte Wahrheit Brigitte Reimanns nur eine subjektive sein kann. Es müsse im Film behauptet werden, sie sei Brigitte Reimann, "was naturgemäß unmöglich ist", sagt Martina Gedeck. "Bei frei erfundenen Figuren kann ich mir etwas ausdenken und einfach behaupten: Das ist Doris, Else oder Sabine. Hier muß ich im Grunde sagen: Das ist nicht Brigitte Reimann, sondern Martina Gedeck, die Brigitte Reimann spielt." Und doch: die Suggestion ist vollkommen. HANS-DIETER SEIDEL