markus imboden

HUNGER AUF LEBEN

Süddeutsche Zeitung - 17.06.2004
Aus der Mitte Deutschlands
Leben, Lieben, Leiden in der DDR: Ein Film über die Schriftstellerin Brigitte Reimann ... Hunger auf Leben wird ganz sicher zu den besten deutschen TV-Beiträgen zählen, die das Jahr 2004 zu bieten hatte. Man muss das der unglaublich guten Martina Gedeck zuschreiben und Markus Imboden, dem Regisseur aus der Schweiz, der unaufgeregt die Biografie einer sehr besonderen Frau inszeniert hat. ... weil es in den 90 Minuten weder eine Verteufelung des bösen Systems (also der Stasi) gibt, noch eine Verherrlichung der Ideale (also des Sozialismus). Vielleicht ist es sogar einfach, über das Lieben, Leiden und Arbeiten von Brigitte Reimann einen Film zu fertigen, denn sie hat mit ihren Tagebüchern einen großen Stoff zur Verfügung gestellt. Sie hatte Kinderlähmung, war sexuell in außergewöhnlichem Maße aktiv, viermal verheiratet, unangepasst, trotzdem loyal (sie flüchtete nicht). Sie wollte sich umbringen und starb zu früh (mit 39). Exemplarisch lässt sich an ihr der Kampf der Menschen zeigen, die zur DDR als einem Gesellschaftsversuch hielten: Persönliches war nie frei. Brigitte Reimann verachtete die Idioten der Staatsmacht (sie war nie in der SED), den Kleinmut des Alltags und die kollektive Feigheit. Auch ihre. „Wir tun alles”, schrieb sie, „um uns lächerlich zu machen.” Hunger auf Leben beweist das Gegenteil. CHRISTOPHER KEIL Hunger auf Leben, Arte, Freitag, 20.45.