markus imboden

DER MöRDER IDT UNTER UNS

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.10.2003, Nr. 243, S. 39
Handeln im Gesetz der Serie - Ein Dorf in Angst und ein Ermittlerpaar vor der Evidenz des Schicksals
Nach einem Drehbuch von Holger-Karsten Schmidt hat Markus Imboden einen in jeder Hinsicht hochkonzentrierten Film gedreht. Die Stimmung des Unheimlichen steigt aus dem Abgrund der Überlegung auf, daß Sicherheit nur noch die Abstraktion, die errechnete Regelmäßigkeit abweichenden Verhaltens verspricht, wenn jedes konkrete sittliche Verhältnis, Freundschaft, Verwandtschaft, Ehe, gelogen sein kann. Bewegend die Gestalt des Polizisten (Hermann Lause), der gegen seinen Schwiegersohn und dessen Bruder nicht ermitteln will, aber seine Töchter schützen muß. Das Zimmer der jüngeren Tochter, mit unschuldig erotischen Postern geschmückt, liegt am Fuß einer steilen Kellertreppe: Schutzraum oder Falle? Wenn Christoph Waltz seine Sätze zerteilt, als wären die Wörter Leichenteile, die er für eine Lagerung im Kühlschrank formatieren müßte, dann bildet diese Zergliederung der Sprache nur scheinbar die Arbeit der Logik ab. Dem zwingenden Schluß ist der unmerkliche Übergang zu eigen, und der Psychologe schneidet sich selbst das Wort ab, um sich übermannen zu lassen von der Evidenz des Schicksals. Die Wissenschaft erklärt die Welt, der Wissenschaftler führt nur Protokoll und weiß auch nicht, warum beispielsweise das Gesetz gilt: Je erniedrigender die Zurichtung der Frau, desto intelligenter der Mann. Was fährt in den Mann, der eine Frau ablegt, um sie zu degradieren? Als der Moment der Wahrheit sich ereignet, wird der Täter schon abgeführt. Das Schreckliche des Augenblicks ist seine Alltäglichkeit, und man ist froh, daß der Film in diesem Moment noch nicht zu Ende ist. PATRICK BAHNERS