markus imboden

INS LEBEN ZURüCK

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.10.2003, Nr. 235, S. 41
Jeden Tag, jede Stunde und Minute bei ihr - Wem die Vergangenheit geraubt wird, der hat nur den Weg zum Ziel: "Ins Leben zurück" (Arte)
Von Zeit zu Zeit, sagt Martina Gedeck, spiele sie gern einmal eine Rolle mit komödiantischer Grundierung. Wie vergnüglich das ausgehen kann, war am Dienstag bei Sat.1 zu besichtigen. Auf Arte, weil es der Programmzufall so will, gibt sie nun nur drei Tage später wieder einer zutiefst verstörten Seele Gesicht und Stimme, und sie tut das mit jenem insistierenden Ernst, der noch das schönste, sekundenkurz aufblühende Lächeln mit Wehmut unterfüttert. Diese Clara, um die sich der Fernsehfilm "Ins Leben zurück" von Markus Imboden (Regie) und Fabian Thaesler (Buch) ausschließlich dreht, wird mit einem Einschnitt in ihrem Leben nicht fertig, dem psychoanalytischer Beistand so wenig beikommt wie die unbeholfene Taktik des Ehemanns. Vor acht Jahren ist die damals halbwüchsige Tochter des Ehepaars spurlos verschwunden, und alle Bemühungen, sich auf Lillys Fährte zu setzen, schlugen fehl. Der vollkommen unbewältigte Verlust hat aus der ehedem lebenslustigen Clara ein labiles Wesen werden lassen, verschlossen bis zur Kränkung des Gegenübers und aus womöglich nichtigem Anlaß weit über die Grenzen des sogenannten Normalen hinaus zu erschüttern. Bis Clara in einer alten Illustrierten auf einen großen Farbbericht vom Unglück des Fährschiffs stößt, das hier nicht "Estonia", sondern "Andrea Baltica" heißt, und auf einem der Bilder neben einer fremden jungen Frau deutlich ihre Tochter zu erkennen glaubt. Von einem Moment zum anderen hat Claras Handeln wieder ein entschiedenes Ziel: Sie muß in Schweden die Eltern der beim Schiffsunglück ums Leben gekommenen jungen Frau aufspüren, um endlich mit mehr Grund als nur einer Wahnidee nach Lillys Verbleib zu forschen. Buch und Regie halten sich nicht lange auf, die Vorgeschichte zu skizzieren, und auch Claras existentielle Not, die verzehrende Hingabe an die Verschollene, wird rasch in einem Schlüsselsatz gefaßt: "Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute, die sie nicht bei mir ist, bin ich bei ihr." Auch das brüske Zurückweisen der klinischen Hilfe braucht nicht viele Worte: "Sie wollen mich heilen?" fragt Clara. "Wovon?" Alle Zeit der Welt, scheinbar, nimmt sich der Fernsehfilm dagegen für Claras Obsession, der verschwundenen Tochter in Schweden habhaft zu werden. Wenn einem die Vergangenheit genommen wird, dann tut man eben Dinge - dieses Erklärungsmuster der Psychoanalyse reichern Markus Imboden und Fabian Thaesler, aber vor allem die Schauspielerin Martina Gedeck mit einer ganz eigenen Poesie an. Wieder einmal ist der Weg das Ziel, wieder einmal dient eine von der zivilisatorischen Landnahme noch nicht versehrte Natur dazu, die Seele allmählich zu glätten. Doch die Bilder, die davon künden, daß Clara auf dem Weg von Göteborg weit hinauf ins Unwegsame der Schären auch einen Ort finden könnte, endlich Abschied zu nehmen von der Tochter - diese melodisch eingebundenen, aber niemals penetrant in Musik verpackten Bilder meiden jeden bloß heuchlerischen Ton der Versöhnung. So unterschlagen sie auch nicht, wie unempfindlich die verletzte Seele Clara dafür geworden ist, andere bei ihrer verbissenen Suche verletzen zu können. Und sie finden Zeit, noch eine zweite Ebene aufzutun, auf der sich gleichsam wie nebenbei eine wunderbar zurückhaltende Liebesgeschichte anspinnt. Ohne die Hilfe des Polizeikommissars (Ulrich Thomsen), der Clara wie ein Schutzengel nicht mehr von der Seite weicht, wäre sie im fremden Land allzu rasch gestrandet. Ein einziger scheuer Kuß ist den beiden zum Abschied vergönnt. Und sie werden die Glasscheibe, die ihre Lippen trennt, wohl gar nicht gespürt haben. HANS-DIETER SEIDEL.