markus imboden

AUSGERECHNET ZOé

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.09.1994, Nr. 222, S. 34
Blumen in der Schiffsspur - Und Zigarren gegen den Tod: "Ausgerechnet Zoé" (ARD)
Ohne den albernen Reihentitel "Wilde Herzen" wüßte der Kritiker gar nicht, was er an dem Fernsehfilm "Ausgerechnet Zoé" von Markus Imboden herummäkeln sollte. Diese marktschreierischen Reihen und Reihentitel sind die jüngste Mode im deutschen Fernsehen: Für den seltenen Fall, daß es sich einmal nicht um eine der vielen flachgeistigen Serien handelt, haben unterbeschäftigte Fernsehredakteure die "Reihe" erfunden, die dann Namen trägt wie "Schicksalhafte Begegnungen" oder "Geschichten, die das Leben schreibt" und so weiter, damit sich kein Stück heraushebe aus der üblichen, von den Redakteuren noch eben überschauten Niederung. Dem Film "Ausgerechnet Zoé" willkürlich die Reihe "Wilde Herzen" überzustülpen, war besonders ärgerlich und zeugt von einem sträflichen Mangel an Sensibilität. Denn dieser Film, wahrhaftig ein Einzelstück, ist von erstaunlicher Feinheit in Zeichnung und Beobachtung der Figuren. Ein Kammerspiel, das zuweilen aufbricht in Lebensgier, dann wieder verhält in Ratlosigkeit und stummem Erschrecken. Die Studentin Zoé erfährt nach einem Test, daß sie HIV-positiv ist. Sie reagiert mit gleichsam gesträubtem Gefieder, unvernünftig. Sie gibt ihr Studium auf. Sie macht ihrem treuen, gutwilligen Freund das Leben schwer. Sie trinkt. Sie nimmt Drogen. Sie treibt es hintereinander mit fünf, sechs Männern. Zuweilen sieht es so aus, als genieße sie es, die Menschen ihrer Umgebung zu schockieren. Dann wieder sackt sie zusammen und verzieht sich in ihr Mädchenzimmer zu ihrer Mutter, die wohl der einzige Mensch ist, dem sie nichts von ihrer Krankheit sagt. Dieses Aufflackern und Verlöschen, dieses hoffnungslose, letzte Sichwehren vor der Ergebenheit, vor dem Tod - Nicolette Krebitz in der Rolle der Zoé liefert eine eindrucksvoll konzentrierte Schauspiel-Studie. Henry Arnold, das "Hermännchen" aus der "Zweiten Heimat" von Edgar Reitz, spielt den Freund der Zoé, als sei dies nun die "Dritte Heimat". Das Ende des Films kommt überraschend, fast burlesk. Nicht Zoé wird krank oder stirbt, sondern ihre Freundin (Caroline Redl) erleidet einen tödlichen Verkehrsunfall. Die Seebestattung - die Blumen, die man in die Schiffsspur wirft - ist eine der ergreifendsten Szenen des Films. Die letzte Szene voll bitterem Humor: Der Freund der Freundin sitzt neben Zoé, die jetzt Tagebuch führt und sich auf das Rauchen langer Brasilzigarren verlegt hat. "Ich mag keine Zigarren", sagt der Freund. Zoé reicht ihm die Zigarrenkiste, aus der er gedankenlos eine Zigarre nimmt, sie entzündet und zu rauchen beginnt. HANS SCHERER