markus imboden

AUSGERECHNET ZOé

Süddeutsche Zeitung - 21.09.1994
Der Stoff, aus dem die Alpträume sind
'Ausgerechnet Zoé': Markus Imbodens drastischer Film über eine aidsinfizierte junge Frau 2015 ARD Ein schöner Wintertag irgendwo an der Nordsee. Schneereste verzieren die sonnenbeschienene Dünenlandschaft, etwas Unwirtliches liegt in der leicht diesigen Luft. Aus der Ferne sieht man langsam eine junge Frau heranradeln, offenbar kommt sie von dem reetgedeckten Ferienhaus dort hinten. Kaugummikauend betritt sie die nächstgelegene Telephonzelle, läßt sich mit jemandem verbinden, der ihr Wichtiges mitzuteilen hat. Es kann nichts Schlimmes sein, sonst wäre die Frau nicht so unbekümmert. Erst als ihr die gute Laune mit einem Mal vergeht, ist klar: Damit hat sie nicht gerechnet, das ändert alles. Zoé ist Anfang 20 und studiert Psychologie. Mit Kommilitonen verbringt sie ein paar Tage am Meer, vorher hat sie noch einen Schwangerschaftstest machen lassen. Ist das Ergebnis nun doch eine böse Überraschung für sie? Wenn es das noch wäre. Aber Zoé beginnt an einem ganz anderen Befund zu verzweifeln: Sie ist HIV-positiv. Soll sie's ihrem Freund Mike sagen, der treuen Seele? Wie überhaupt weiterleben mit der Ungewißheit, wann die Krankheit ausbricht? Zoé will es jetzt erst recht wissen. Sucht sich ihre Liebhaber, wo sie zu haben sind, reizt ihr Leben bis an die Grenzen aus, läßt es zum Äußersten kommen. Alles ist erlaubt, nur eine Regel gilt: Zoé muß ehrlich zu sich und zu anderen sein, auch zu ihrem Freund. Doch den neuen Lebenssinn findet sie darin nicht. Der Körper kommt noch einmal zu seinem Recht, dafür geht die Seele um so schneller zugrunde. So extrem das alles klingt - frei erfunden ist der Stoff nicht. Markus Imboden, Jahrgang 1955, hat ihn nach einer unveröffentlichten Kurzgeschichte verfilmt, die eine Bekannte ihm zu lesen gab, als sie bereits an Aids erkrankt war. Der Schweizer Regisseur, für den 'Ausgerechnet Zoé' die erste größere Arbeit fürs Fernsehen ist, hatte ursprünglich an einen Kinofilm gedacht, nach 'Bingo' (1990) wäre es sein zweiter gewesen. Doch habe er damit nicht bei den 'konservativen' Schweizer Filmfördergremien landen können. Allein schon, daß eine Frau im Zusammenhang mit Aids die treibende Kraft ist - 'so etwas darf man nicht machen', weiß Imboden aus Erfahrung. Nicht zu vergessen die manchmal schon sehr drastischen Dialoge, die genauso dazugehören wie ganz leise Stellen von großer Traurigkeit. Daß er vom NDR bereits nach zwei Tagen eine positive Antwort bekam, war für Imboden 'wie Weihnachten'. Ein 'kleines Wagnis' ist mit dem Film indes auch für die ARD verbunden, das will die zuständige NDR-Redakteurin Doris Heinze gar nicht verhehlen. 'Natürlich haben wir uns gefragt, ob solch ein Film überhaupt in die Reihe ,Wilde Herzen' paßt, wo sonst ja eher freche Komödien für ein junges Publikum laufen. Mir wäre ein etwas späterer Sendetermin auch lieber gewesen. Aber mit den Problemen, die hier beschrieben werden, können sich viele junge Leute genauso identifizieren, glaube ich.' Nicolette Krebitz, zuletzt in 'Schicksalsspiel' zu sehen, ist Zoé. Ihren Freund Mike spielt 'Heimat'-Darsteller Henry Arnold. ROLAND TIMM